Editorial

Wissenschaftstransfer in Public Health und Pflegewissenschaft: Ein ?berblick
Maren Emde, Gabriele Bolte, Heike Mertesacker
Als Teil der sogenannten ?Dritten Mission“ (third mission) der Wissenschaft hat der Transfer in den vergangenen Jahren eine immer wichtigere Rolle in Universit?ten und Forschungseinrichtungen eingenommen (1). In der vorliegenden Ausgabe des IPPinfo fokussieren wir als Leitthema die Rolle und Auspr?gungen des Transfers in der Public-Health- und pflegewissenschaftlichen Forschung und blicken dabei auch gezielt auf den Transfer am Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP). Im Folgenden geben wir einen ?berblick über den Transfer in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften mit Verweisen auf die Schwerpunktbeitr?ge des Heftes.
Transfer umfasst unterschiedliche Aktivit?ten, um das von Forscher:innen generierte Wissen in verschiedene Bereiche der Gesellschaft wie die Kultur, Politik oder Wirtschaft zu übermitteln. Dabei ist Transfer nicht als ein linearer, sondern wechselseitiger, iterativer Prozess zu verstehen, der Partner:innen aus der Praxis einbindet und Probleme aus der Gesellschaft aufgreift. In der Vergangenheit h?ufig auf technologische Innovationen verengt, blieben viele andere relevante Transferaktivit?ten oft unbeachtet oder wurden nicht als solche erkannt. Insbesondere die gesundheits- und pflegewissenschaftliche Forschung macht es sich zur Aufgabe, auf gesellschaftliche Verh?ltnisse einzuwirken, um gesundheitliche Chancengerechtigkeit zu erreichen – ?konomische Interessen Einzelner stehen hier im Hintergrund. Gesundheit und gesundheitliche Chancengerechtigkeit werden zunehmend als Querschnittthemen für alle Politikfelder erkannt, die gemeinsame Anstrengungen auf allen Ebenen und ein ebenso wissens- wie handlungsorientiertes Vorgehen erfordern (2).Transferkompetenzen und –aktivit?ten sind daher im Bereich der Gesundheitswissenschaften relevante Ziele und Aufgaben. Besonders im Rahmen aktueller Herausforderungen z.B. in Bezug auf die Herstellung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit, die Gestaltung gesundheitsf?rdernder Umwelt, im Bereich der Pr?vention, der gesundheitlichen Versorgung und Pflege wird deutlich, wie zentral sowohl die Bereitstellung und Nutzung evidenzbasierter Informationen als auch die Integration des lokalen Alltags- und Erfahrungswissens für die Planung von innovativen Ma?nahmen und deren Evaluation ist. Das Zukunftsforum Public Health benennt 10 Kernbereiche für eine Public-Health-Strategie für Deutschland: 1) Governance, 2) Finanzierung, 3) Surveillance, 4) Krisenplanung und -reaktion, 5) multisektoraler Gesundheitsschutz, 6) Gesundheitsf?rderung – Gesundheitliche Chancengleichheit, 7) Pr?vention, 8) Ausbildung und Personal, 9) Kommunikation und Information sowie 10) Public-Health-Forschung. In diesen Feldern gilt es, aktuelle Problemlagen zu identifizieren, L?sungsvorschl?ge zu erarbeiten und die Umsetzung zu begleiten. Diese Aufgaben sind nur in einer gemeinsamen Anstrengung aller beteiligten Akteur:innen aus Gesellschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft zu bew?ltigen. Hierfür ist ein aktiv gelebter Wissenschaftstransfer, der immer wieder gleichberechtigte Kooperation aller beteiligten Akteur:innen von Beginn an im Blick hat, unbedingte Voraussetzung.
Mit der zunehmenden Bedeutung, die Transfer an den Hochschulen eingenommen hat, stellte sich auch die Frage, wie sich der Einfluss von Transfer in verschiedenen Disziplinen messen lassen kann (3). Mittlerweile haben sich in der deutschen Wissenschaftslandschaft insgesamt Konzepte von Transfer etabliert, die versuchen der Vielfalt an Transferaktivit?ten gerecht zu werden und sie entsprechend zu erfassen, z.B. die sogenannten CHE-Indikatoren (4). Das gemeinsam von Stifterverband und Helmholtz-Gemeinschaft (5) erarbeitete ?Transferbarometer“ beschreibt unterschiedliche Transferfelder und stellt dazu passende Indikatoren bereit, anhand derer Transferaktivit?ten gemessen werden k?nnen. Diese Transferfelder werden in den Schwerpunktbeitr?gen des vorliegenden Heftes thematisch aufgegriffen. Unter dem Begriff Transferorientierte Forschung fassen wir eine gro?e Bandbreite an Forschungsaktivit?ten, die nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch ihre Methodik und angewandte Instrumente stark transfergepr?gt sind. ?hnlich dem im Transferbarometer skizzierten Transferfeld ?Forschungsbasierte Kooperation und Verwertung“ sehen wir hier Projekte verortet, die gemeinsam mit nicht-wissenschaftlichen Partner:innen durchgeführt werden und/oder die sich durch einen expliziten Transferbezug auszeichnen. Dominik Domhoff, Janissa Altona, Kathrin Seibert und Karin Wolf-Ostermann beschreiben in ihrem Text beispielsweise, wie in dem vom Bundesministerium für Forschung, Transfer und Raumfahrt (BMFTR) gef?rderten Projekt ?ProKIP“ Strukturen geschaffen werden, die die Entwicklung von KI-Technologien für die Pflege in engem Austausch mit der Praxis erm?glichen sollen. In einem weiteren Beitrag der Autor:innen wird das Barcamp-Format vorgestellt, das im Projekt ProKIP für den Wissenstransfer genutzt wurde.
Darüber hinaus fallen Auftragsforschungsprojekte in dieses Transferfeld, wenn auch in den Public Health und Pflegewissenschaften die Auftr?ge selten aus der Wirtschaft erfolgen. Auftragsforschung umfasst hier viel澳门皇冠_皇冠足球比分-劲爆体育 beispielsweise die Erstellung von Gutachten, Berichten und Konzepten für Entscheider:innen aus Politik und Verwaltung.
Der Transferbezug der Forschung ?u?ert sich nicht nur in ihren Themen, sondern auch in den Forschungsmethoden. H?ufig werden Forschungsfragen, -themen und -erkenntnisse in der gesundheits- und pflegewissenschaftlichen Forschung in kooperativen Projekten gemeinsam mit Partner:innen aus der Praxis auf Augenh?he erarbeitet. Solche weitergehenden Ans?tze einer transdisziplin?ren Forschung sind gekennzeichnet durch ihre Fokussierung auf gesellschaftlich relevante Probleme, wechselseitige Lernprozesse zwischen Wissenschaftler:innen und Akteur:innen aus der Praxis und Zivilgesellschaft sowie die Schaffung eines l?sungsorientierten und gesellschaftlichen robusten Wissens (6). Transformative Forschung beinhaltet nicht nur die Untersuchung gesellschaftlicher Ver?nderungen, sondern wirkt auch gezielt auf eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit hin (7). Das Forschungsformat Reallabor verfolgt das Forschungsziel der Gewinnung neuer Erkenntnisse und neuen Wissens und zugleich das Praxisziel des Anstossens von Transformationsprozessen (7). Aktivit?ten dieser Art fasst das Transferbarometer unter dem Begriff ?Forschen und Entwickeln mit der Gesellschaft“. Franziska Stelzer stellt in ihrem Text Reallabore als Ansatz transformativer Forschung und das Projekt SInBa als ein Beispiel für die Entwicklung sozialer Innovationen in der Stadtentwicklung vor. Seit 2025 wird am IPP gemeinsam mit Kooperationspartner:innen die BMFTR-gef?rderte InnovationsCommunity Urban Health (ICUH) aufgebaut: Gabriele Bolteund Ellen Senck beschreiben, welche Ans?tze transdisziplin?rer und transformativer Forschung verfolgt werden für die Entwicklung und Erprobung sozialer Innovationen mit dem Ziel der ?berwindung von Umsetzungsdefiziten im Bereich von Umweltgerechtigkeit.
Verschiedene Ans?tze, die darauf abzielen, soziale Wirklichkeit gemeinsam zu erforschen und zu ver?ndern, werden unter dem Begriff partizipative Forschung zusammengefasst (6). Beispiele sind Patient:inneneinbeziehung, community-based participatory research, Ko-Produktion bzw. Ko-Kreation und Citizen Science. Bei letzteren kann die Art der Einbeziehung sehr unterschiedlich sein: Von lediglich beitragenden Anteilen (Datensammlung) über kollaborative Ans?tze, bei denen die Forschungsfrage aber allein aus der Wissenschaft kommt, bis hin zu ko-kreativen Projekten.
?hnlich dem gleichnamigen Transferfeld im Transferbarometer, spielt die Transferorientierte Lehre und Weiterbildung eine wichtige Rolle in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften. So zeichnen sich die Public Health und pflegewissenschaftlichen Bachelor- und Masterstudieng?nge durch eine hohe Transferorientierung aus, sodass Studierende bereits im Studium in Kontakt mit Praxispartner:innen kommen und mit diesen beispielsweise im Rahmen studentischer Forschungsprojekte zusammenarbeiten. Zudem wird h?ufig in Promotionsprojekten mit Praxispartner:innen kooperiert. Darüber hinaus flie?t das aus der Zusammenarbeit mit Kooperationspartner:innen erarbeitete Wissen in die berufliche Aus- undWeiterbildung ein. Dies umfasst sowohl Weiterbildungsangebote durch Wissenschaftler:innen, aber auch beispielsweise die partizipative Erarbeitung und Weiterentwicklung von Fortbildungsangeboten in der Pflegeausbildung. Ein Beispiel dafür stellen Ingrid Darmann-Finck, Larissa Fenker und Valeska Stephanow in ihrem Beitrag vor.
Die Wissenschaftskommunikation umfasst verschiedene Formate, die wissenschaftliche Erkenntnisse in die breite ?ffentlichkeit vermitteln und die den Austausch zwischen Wissenschaftler:innen und Menschen au?erhalb der Scientific Community erm?glichen und ist damit dem im Transferbarometer als ?Wissenschaftsdialog“ bezeichneten Transferfeld sehr ?hnlich. Wissenschaftskommunikation umfasst Aktivit?ten wie die Organisation von bzw. Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungsformaten, Praxisworkshops oder auch Kommunikationsformate wie Podcasts. Adressat:innen k?nnen sowohl die breite ?ffentlichkeit als auch spezifische Stakeholder sein. Darüber hinaus kann dieses Transferfeld dazu beitragen, die Sichtbarkeit von Forschung und anderen Aktivit?ten zu erh?hen und das Bewusstsein der gesellschaftlichen Relevanz von Wissenschaft st?rken. Melanie B?ckmann und Fabienne Pradella diskutieren in ihrem Beitrag die M?glichkeiten von ?Storytelling“ als Methode für die Wissenschaftskommunikation, rufen dabei aber auch dazu auf, diesen Ansatz kritisch zu reflektieren. Rasmus Cloes fokussiert in seinem Text die Kommunikationskan?le, die der Wissenschaftskommunikation zur Verfügung stehen und welche Ver?nderungen diese durch den konstanten, digitalen Wandel der Medienlandschaft durchlaufen.
?hnlich wie im Transferbarometer beschrieben, umfasst das Transferfeld wissenschaftliche Beratung unserem Verst?ndnis nach die unabh?ngige, unentgeltliche, wissenschaftlich fundierte Beratung von Politik sowie Entscheidungstr?ger:innen in ?ffentlichen und privaten Einrichtungen und Verb?nden, zu denen auch Patient:innenvertretungen z?hlen. Die Aktivit?ten umfassen beispielsweise die Erstellung von Gutachten, Stellungnahmen und Positionspapieren, sowohl auf Anfrage als auch proaktiv. Darüber hinaus f?llt in dieses Feld auch langfristiges Engagement von Wissenschaftler:innen in Gremien wie Beir?ten oder Beratungsgremien. Warum die Public-Health-Forschung in diesem Feld zwar h?ufig Anlass zur Resignation h?tte, aber dennoch einen langen Atem beibehalten sollte, er?rtert Joseph Kuhn in seinem Beitrag. Anhand zweier Beratungsgremien im Kontext der Glücksspielforschung veranschaulicht Tobias Hayer in seinem Text wie dies in der Praxis aussieht.
In dieser kurzen Skizzierung von vier wichtigen Transferfeldern zeigt sich, dass diese nicht immer trennscharf voneinander abzugrenzen sind. Die Schwerpunktbeitr?ge der vorliegenden Ausgabe des IPPinfo füllen diese Felder mit Leben, indem sie anschauliche Beispiele aus Forschung und Lehre aufzeigen und sich kritisch mit Fragen besch?ftigen, die für gelingenden Transfer in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften gestellt und beantwortet werden müssen.
Dr. Maren Emde1, Prof. Dr. Gabriele Bolte1,2, Heike Mertesacker MPH1,2
1Universit?t Bremen, Health Sciences Bremen (Wissenschaftsschwerpunkt und Forschungs- und Transferschwerpunkt Gesundheitswissenschaften)
2Universit?t Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP
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Literatur
1. Roessler I, Hachmeister CD. Wissenstransfer als Bestandteil der Third Mission der Hochschulen. In: Schmidt U, Sch?nheim K, editors. Transfer von Innovation und Wissen: Gelingensbedingungen und Herausforderungen. Wiesbaden: Springer VS; 2022.
2. Zukunftsforum Public Health. Eckpunkte einer Public-Health-Strategie für Deutschland [Internet]. 2022 [cited 2025 Nov 19]. Available from: zukunftsforum-public-health.de
3. Müller CE, Wolf B. Kann der gesellschaftliche Impact von Forschung gemessen werden? Herausforderungen und alternative Evaluationsans?tze. Hochschulmanagement. 2017;12(2–3).
4. Hachmeister CD, M?llenkamp M, Roessler I, Scholz C. Katalog von Facetten von und Indikatoren für Forschung und Third Mission an Hochschulen für angewandte Wissenschaften [Internet]. Gütersloh: CHE; 2016 [cited 2025 Nov 19]. Available from: www.che.de/download/che_ap_189_katalog_forschung_third_mission-pdf/
5. Stifterverband, Helmholtz-Gemeinschaft. Transferbarometer [Internet]. [cited 2025 Nov 19]. Available from: transferbarometer.de
6. Sch?fer M, Bührer-Topcu S, Ehnert F, Graf V, Haus J, H?hener O, Holtman F, Vasilyeva Z, von Peter S, Wolf B. Orientierungsrahmen zur Erfassung von Wirkungen transdisziplin?rer und partizipativer Forschung. Gesellschaft für transdisziplin?re und partizipative Forschung (GTPF). Arbeitspapier 2-2025. Berlin; 2025. Available from: doi.org/10.5281/zenodo.15641451
7. Defila R, Di Giulio A. Reallabore als Quelle für die Methodik transdisziplin?ren und transformativen Forschungs – eine Einführung. In: Defila R, Di Giulio A, editors. Transdisziplin?r und transformativ forschung. Eine Methodensammlung. Wiesbaden: Springer VS; 2018, S. 9-35. Available from: doi.org/10.1007/978-3-658-21530-9_1
Zitierweise
Emde M, Bolte G, Mertesacker H. Wissenschaftstransfer in Public Health und Pflegewissenschaft: Ein ?berblick. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):2–3. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

