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Menschen vor Bremer Haupftbahnhof

Public Health-Forschung: Zahnloser Tiger oder steter Tropfen?

Joseph Kuhn

Public Health hat sich seit den 1990er Jahren auch in Deutschland zu einer lebendigen Forschungslandschaft entwickelt. Es gibt Institute, Lehrstühle, Publikationsorgane, Fachgesellschaften, Kongressreihen, ein ?Zukunftsforum Public Health“ und auch hochrangige Anerkennung im politischen Raum. 

Public Health denkt gesellschaftlich, und damit notwendigerweise politisch. Die Deutsche Gesellschaft für Public Health (DGPH) schreibt auf ihrer Internetseite:

?Unser Engagement dient der Wissenschaft und Praxis zur Verhinderung von Krankheiten, zur Verl?ngerung des Lebens und zur F?rderung von (…) Gesundheit unter Berücksichtigung einer gerechten Verteilung und effizienten Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Zunehmende gesundheitliche Ungleichheit, gesundheitliche Folgen der Ver?nderungen in der Arbeitswelt (…) oder die Konsequenzen des Klimawandels sind nur einige der aktuellen Themen.“

Damit verbunden sind offene Fragen zur Verortung von Public Health im Wissenschaftssystem, etwa als ?angewandte“ Wissenschaft oder mit Blick auf die Werturteilsdebatte, ?hnlich wie z.B. in der frühen Betriebswirtschaftslehre [1]. Public Health ist mit Blick auf ihre Charakterisierung der DGPH nicht umstandslos als ?wertfreie“ Wissenschaft im Sinne Max Webers zu konzipieren. Sie kann es – wie übrigens auch die klinische Medizin – nicht sein, weil schon ihre Grundbegriffe Gesundheit und Krankheit nicht wertfrei sind, sondern unaufhebbar normativer Natur. Krankheit soll vermieden, Gesundheit gef?rdert werden. 

Zu diesem Zweck werden die Befunde der Public Health-Forschung in ein vielf?ltiges Instrumentarium der Politikberatung eingespeist: Fach- und popul?rwissenschaftliche Ver?ffentlichungen, Gutachten, Expertengremien, parlamentarische Anh?rungen, Enquete-Kommissionen und neuerdings auch lobbyierende Thinktanks. Der Ertrag dieser Bemühungen um Transfer von Wissen in die Politik scheint jedoch ausgesprochen bescheiden und ist geeignet, Sinnkrisen auszul?sen. Drei Beispiele seien genannt.

Es gibt tausende epidemiologische Studien, die belegen, dass soziale Benachteiligung mit gesundheitlicher Benachteiligung einhergeht. Eigentlich wei? man um diesen Zusammenhang schon seit 250 Jahren, seit Johann Peter Franks ?Akademischer Rede vom Volkselend als der Mutter aller Krankheiten“ im Jahr 1790. 1913 erschien der Sammelband ?Krankheit und soziale Lage“ [2], der die Folgen von Armut in verschiedenen Lebensbereichen datengestützt darstellt, ein Vorl?ufer des Health in all Policies-Gedankens der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Thema steht auch weit oben auf der aktuellen epidemiologischen Forschungsagenda, auch von Ressortforschungseinrichtungen wie dem RKI. Nicht ganz so alt ist die Forschung zu Klimawandel und Gesundheit, aber die Studien h?ufen sich auch hier seit Jahren. Und, last but not least, der Pflegenotstand wird mindestens seit 30 Jahren beforscht [3]. Die Defizite sind bekannt, sie werden rituell immer wieder thematisiert - und sie bestehen fort. ?Wicked problems“, hat die WHO solche hartn?ckigen Probleme einmal genannt. 

Fehlt es der Politik an Gesundheitskompetenz? Ist sie taub oder ist Public Health zu leise? Wie kann es sein, dass Pubmed seit den 1960er Jahren bis 2019 ca. 11.000 Publikationen zum Stichwort ?Pandemic Preparedness“ verzeichnet, einschlie?lich ausgefeilten Handlungskonzepten und Pandemiepl?nen, aber die Coronapandemie die Politik nahezu weltweit überrascht hat? Der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn: ?Wir waren v?llig unvorbereitet“. Dabei leben wir doch in einer ?Wissensgesellschaft“ und die Politik argumentiert in Talk Shows gerne mit wissenschaftlichen Daten, pflegt die ?Epistemisierung des Politischen“ [4].

Aus der Gesundheitspsychologie ist bekannt, dass Information alleine meist keine ?nderung des Gesundheitsverhaltens bewirkt, weder beim Rauchen noch bei der Ern?hrung oder beim Bewegungsverhalten. Das ist in der Gesundheitspolitik nicht anders. Das Ergebnis unabweisbarer Daten ist oft ?verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre“ [5]. Politiker:innen greifen die Themen in ihren Reden auf, aber entwickeln keine ernstzunehmenden Umsetzungsstrategien. Die Public Health-Forschung reagiert darauf mit der Suche nach ?Wissen zweiter Ordnung“ und beforscht die Translation von Forschung in die Praxis. ?Implementierungsforschung“ kann Umsetzungshürden aufzeigen und überwinden helfen [6]. Man darf jedoch annehmen, dass auch damit das Handeln noch nicht in allen F?llen in Gang zu setzen ist, schon gar nicht, wenn dem starke gesellschaftliche Kr?fte entgegenstehen, z.B. die ?lindustrie, die Zuckerindustrie, die Tabakindustrie. Dann hei?t es in der Politik nicht ?follow the science“, sondern ?follow the power”. G?nzlich aussichtslos scheint es, gegen die gesundheitlichen Verwerfungen des Kapitalismus an sich, gegen ?eine Wirtschaft, die t?tet“ [7] etwas zu erreichen.

Ist Public Health also ein zahnloser Tiger? Probleme werden benannt und beforscht und beforscht und beforscht, so lange die Drittmittel und Sachverst?ndigenposten reichen? Man übersieht dabei leicht die Geschichten des Gelingens, selbst bei wicked problems. 1935 hat Fritz Lickint das Passivrauchen als Gesundheitsrisiko thematisiert, in den 1970er und 1980er Jahren gab es bereits dutzende Studien dazu, wegweisend die Studie von Hirayama 1981 [8], aber keine politischen Reaktionen. Die Gegenkr?fte waren zun?chst zu stark. Und doch ist es im Laufe der Jahre zu einem Wandel der ?ffentlichen Einstellung gekommen, die Politik zog nach und nach der Jahrtausendwende kamen wirksame Nichtraucherschutzgesetze. Es gibt weitere Beispiele. Manche politikberatenden Gremien im Public Health-Bereich sind durchaus einflussreich: Die Impfempfehlungen der STIKO beispielsweise binden die Krankenversicherung unmittelbar, Beschlüsse in diversen Gremien des Arbeits- und Umweltschutzes l?sen regulatorische Folgen aus, in der Verkehrssicherheit wurde auch als Folge der Unfallforschung viel erreicht. 

Funktioniert Public Health-Forschung also zumindest manchmal auch als steter Tropfen, der den Stein h?hlt? Angesichts divergenter Entwicklungen w?re es aufschlussreich, diese vergleichend zu untersuchen und Gelingensbedingungen zu identifizieren. Umwege des Einwirkens auf die Politik, z.B. über die Medien und die ?ffentlichkeit, mithin eine gute Wissenschaftskommunikation, vielleicht auch unkonventionelle Partnerschaften z.B. mit Theatern oder Filmemachern, werden dazu geh?ren, ebenso – Drittmittel hin oder her – klare Positionierungen. ?Seid unbequem, seid Sand, nicht das ?l im Getriebe der Welt“, hei?t es bei Günter Eich [9]. In diesem Sinne muss Public Health die eigenen Forschungsergebnisse auch selbst ernst nehmen, sich selbst ernstnehmen. Die gegenüber der Ver?nderbarkeit der Verh?ltnisse resignative Wendung der Forschung von ?Empowerment“ zu ?Resilienz“ gibt zu denken. Als ?servants of power“ [10] hat Public Health ihre Bestimmung verfehlt. Abschlie?end soll wenigstens noch kurz darauf hingewiesen werden, dass inzwischen nicht 澳门皇冠_皇冠足球比分-劲爆体育 nur die Ignoranz der Politik gegenüber der Wissenschaft ein Problem ist, sondern, in den USA besonders gut zu beobachten, auch die gezielte Zerst?rung und Diskreditierung von Wissenschaft durch politische Kulturk?mpfer [11]. Dies l?st auch die Faktenbasis für eine vernünftige demokratische Willensbildung auf.

Wie das Verh?ltnis zwischen Wissenschaft und Engagement konkret aussehen kann, ohne dass eine Seite die andere besch?digt, w?re ein lohnendes Public Health-Kongressthema. Der n?chste Kongress Armut und Gesundheit 2026 steht unter dem Motto ?Gesundheit ist politisch!“ 


Dr. Joseph Kuhn
Pettenkofer School of Public Health München, c/o Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit


Literatur

[1] Raffée H.: Grundprobleme der Betriebswirtschaftslehre. G?ttingen 1974.

[2] Mosse M, Tugendreich G.: Krankheit und soziale Lage. München 2013.

[3] Schmidbauer W.: Pflegenotstand. Frankfurt 1995.

[4] Bogner A.: Die Epistemisierung des Politischen. Ditzingen 2021.

[5] Beck U, Beck-Gernsheim E.: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt 1990.

[6] Weishaar H, Kuehne A, Bozorg澳门皇冠_皇冠足球比分-劲爆体育 K, Zeeb H.: Stand, Einordnung und Potential der Implementierungswissenschaft: eine Bestandsaufnahme für Public Health in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 68 (2025), 718-727.

[7] Papst Fransziskus: Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium. Vatikanische Druckerei.

[8] Hirayama T.: Non-smoking wives of heavy smokers have a higher risk of lung cancer: a study from Japan. BMJ 282 (1981), 183–185.

[9] Eich, G.: ?Wacht auf“. (1951)

[10] Baritz L.: The Servants of Power. Middletown 1960.

[11] Nichols T.: The Death of Expertise. New York 2017.


Zitierweise

Kuhn J. Public Health-Forschung: Zahnloser Tiger oder steter Tropfen? IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):4-5. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

 

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