Leitthema

Beispiele der Politikberatung im Feld der Glücksspielforschung
Tobias Hayer
Die Forschung im Glücksspielbereich l?sst sich am besten als Querschnittsmaterie begreifen, da sie vielf?ltige Facetten betrifft. Dazu z?hlen in erster Linie psychologische, soziale, ?konomische, rechtliche, aber auch gesundheitswissenschaftliche und hier insbesondere suchtbezogene Aspekte [1]. Gleichzeitig sind Glücksspiele nicht nur für die Anbieter eine lukrative Einnahmequelle, sondern auch für den Staat: So lagen die Steuereinnahmen aus Glücksspielen im Jahr 2024 bei rund 7 Mrd. Euro und damit 澳门皇冠_皇冠足球比分-劲爆体育 als doppelt so hoch wie die Ertr?ge aus alkoholbezogenen Steuern [2]. Es liegt auf der Hand, dass die Glücksspielbranche erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse mit dem übergeordneten Ziel ausübt, die eigenen (monet?ren) Interessen durchzusetzen bzw. effektive Public Health-Ans?tze der Suchtpr?vention, die in der Regel mit einem Konsumrückgang verbunden sind, zu verhindern [3]. Gleichzeitig macht die H?he der Steuereinnahmen ?ffentliche Stellen anf?lliger dafür, von der Industrie gelenkt zu werden und einschr?nkende Ma?nahmen der Suchtpr?vention zu ignorieren. Vor diesem Hintergrund kommen der anbieterunabh?ngigen Forschung inklusive der darauf fu?enden Wissenschaftskommunikation und des Wissenstransfers in die Praxis sowie politischen Beratungst?tigkeiten eine zentrale Bedeutung zu.
Per Definition steht Public Health für die Erhaltung, F?rderung und Verbesserung der Gesundheit in der gesamten Bev?lkerung oder in wohldefinierten Bev?lkerungsgruppen [4]. Wissenschaftliche Befunde mit Public Health-Bezug bilden daher oftmals die Grundlage bzw. das Rationale für politische Vorhaben und Entscheidungen. Da sich Public Health-Forschungen üblicherweise nicht nur auf die Analyse von Gesundheits- und Krankheitsdaten beschr?nken, sondern darüber hinaus Erkenntnisse an Entscheidungstr?ger:innen weiterleitet sowie konkrete Handlungsempfehlungen kommuniziert, bewegt sich Public Health zwangsl?ufig immer auch im politischen Raum [5, 6, 7]. Anspruch ist ein konstruktives, evidenzgestütztes Hineinwirken in Gesellschaft und Politik mit der allgemeinen Absicht, gesundheitliche Chancengleichheit herzustellen. Neben Impulsen für den wissenschaftlichen Diskurs sollen die Forschungsergebnisse unter Berücksichtigung der Limitationen des jeweiligen Forschungsansatzes über die Scientific Community hinaus lebensweltnah genutzt und umgesetzt werden. Diese Transferorientierung geh?rt quasi zur DNA von Public Health.
Ein wichtiges Transferfeld bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die fundierte Beratung von Entscheidungstr?ger:innen in ?ffentlichen Institutionen [8]. Im engeren Sinn ist damit eine Art unentgeltliche wissenschaftliche Politikberatung gemeint, die in der Praxis diverse Formen annehmen kann. Die folgenden beiden Arbeitsaktivit?ten des Autors illustrieren diesen Sachverhalt exemplarisch. Beispiel 1 bezieht sich auf den Fachbeirat Glücksspielsucht [9]. Hierbei handelt es sich um ein siebenk?pfiges Gremium, das im Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) gesetzlich verankert wurde und sieben Expert:innen mit unterschiedlicher Fachkunde in der Bek?mpfung der Glücksspielsucht vorsieht. Seine Hauptaufgaben beziehen sich zum einen auf die Untersuchung sowie Bewertung ausgew?hlter neuer Glücksspielangebote und zum anderen auf die Mitwirkung bei der Evaluation des GlüStV, der in Deutschland im Wesentlichen das Online-Glücksspiel l?ndereinheitlich reguliert [10]. Dabei ist der Fachbeirat im Rahmen der ihm übertragenen Aufgaben nicht weisungsgebunden. Die Amtszeit einzelner Mitglieder betr?gt sieben Jahre. Alle Arbeitst?tigkeiten werden in Jahresberichten zusammengefasst und ver?ffentlicht. Im Allgemeinen versteht sich der Fachbeirat Glücksspielsucht als Advokat des Spieler:innenschutzes im Kontext der Regulierung des Glücksspielwesens. Gleichwohl ist sein Handlungsspektrum inhaltlich beschr?nkt und Gegenstand ?ffentlicher Diskurse [11].
Beispiel 2 lenkt den Fokus auf die Fachstellen Glücksspielsucht im Land Bremen, deren Entstehungsgeschichte ebenfalls eng mit dem GlüStV zusammenh?ngt. Nach §11 GlüStV haben die Bundesl?nder Ma?nahmen der Suchtpr?vention, entsprechende Beratungsangebote sowie die wissenschaftliche Forschung zur Vermeidung und Abwehr von Suchtgefahren sicherzustellen. Um die Ziele des GlüStV zu erreichen, definiert das Bremische Glücksspielgesetz die Sicherstellung der wissenschaftlichen Forschung als ?ffentliche Aufgabe. Weiterhin soll sich die Freie Hansestadt Bremen an der Finanzierung von Projekten und Beratung zur Vermeidung und Bek?mpfung der Glücksspielsucht und zur fachlichen Beratung und Unterstützung der Glücksspielaufsicht beteiligen. Infolgedessen wurden die Fachstellen Glücksspielsucht im Land Bremen geschaffen, die ihrem Selbstverst?ndnis nach als zentrale Bindeglieder zwischen Suchthilfe und Suchtforschung fungieren und sowohl qualifizierte Beratungsangebote für Betroffene wie Angeh?rige bereithalten als auch diverse Projekte zur Erforschung der Glücksspielsucht mit regionaler Relevanz durchführen [12]. Ein Arbeitsschwerpunkt umfasst die fachliche Beratung und Unterstützung der senatorischen Beh?rden bei glücksspielrelevanten Sachthemen (z. B. Austausch über verschiedenartige Aspekte der Glücksspielregulation) sowie konkreten glücksspielspezifischen Fragestellungen (z. B. Er?rterung von Einzelfragen im Zuge von Gerichtsverfahren) unter Hinzuziehung von aktuellen Forschungserkenntnissen. Finanziell gef?rdert werden die Fachstellen Glücksspielsucht im Land Bremen durch die Bremer Senatorin für Gesundheit Frauen und Verbraucherschutz. Die Forschungs- und Beratungst?tigkeiten waren bereits 澳门皇冠_皇冠足球比分-劲爆体育fach Bestandteil des parlamentarischen Diskurses im Bremer Senat (z. B. [13]).
Diese beiden Beispiele deuten die M?glichkeiten an, Forschungsbefunde aus dem Public Health-Sektor in den politischen Raum einzuspeisen. Im Gegensatz zu den Lobbystrategien der Glücksspielanbieter erfolgt dieses Vorgehen auf gesetzlicher Grundlage, ohne pers?nliche monet?re Interessen und streng ausgerichtet an Forschungsergebnissen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zum Unternehmens-Lobbyismus besteht in den sehr beschr?nkten (zeitlichen wie finanziellen) Ressourcen, die für diese Beratungst?tigkeiten zur Verfügung stehen. Ohnehin ist abschlie?end zu betonen, dass es letztendlich immer ein politischer Abw?gungs- und Entscheidungsprozess bleibt, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse wie in der Praxis umgesetzt werden.
Dr. Tobias Hayer
Universit?t Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung | Abt. Gesundheit und Gesellschaft, Leitung der Arbeitseinheit Glücksspielforschung
Literatur
[1] Schütze, C., Kalke, J., M?ller, V., Turowski, T. & Hayer, T. (2023). Glücksspielatlas Deutschland 2023: Zahlen, Daten, Fakten. Institut für interdisziplin?re Sucht- und Drogenforschung, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Arbeitseinheit Glücksspielforschung der Universit?t Bremen: Hamburg / Hamm / Bremen.
[2] Gemeinsame Glücksspielbeh?rde der L?nder (2025). T?tigkeitsbericht 2024. www.gluecksspiel-behoerde.de/images/pdf/jahresberichte/GGL_Tatigkeitsbericht_2024.pdf, Zugriff: 18.08.2025.
[3] Hayer, T. & Turowski, T. (2025). It‘s all about the money: Wie die Glücksspielindustrie ?konomische Interessen wahrt und effektive Suchtpr?vention verhindert. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2025 (S. 257-271). Lengerich: Pabst.
[4] B?hm, K. (2001). Politikwissenschaft und Public Health. In: H. Schmidt-Semisch & F. Schorb (Hrsg.): Public Health: Disziplin – Praxis – Politik (S. 35-48). Wiesbaden: Springer.
[5] Kolip, P. & Razum, O. (2001). Interdisziplinarit?t und Problemorientierung in Forschung und Lehre: das Beispiel der Fakult?t für Gesundheitswissenschaften an der Universit?t Bielefeld. In: H. Schmidt-Semisch & F. Schorb (Hrsg.): Public Health: Disziplin – Praxis – Politik (S. 195-211). Wiesbaden: Springer.
[6] Gerlinger, T. (2001). Public Health und Politikberatung. In: H. Schmidt-Semisch & F. Schorb (Hrsg.): Public Health: Disziplin – Praxis – Politik (S. 393-410). Wiesbaden: Springer.
[7] Schmidt, B. (2001). Gesundheit als Instrument zur Sicherstellung sozialer Ordnung. In: H. Schmidt-Semisch & F. Schorb (Hrsg.): Public Health: Disziplin – Praxis – Politik (S. 427-441). Wiesbaden: Springer.
[8] Emde M, Bolte G, Mertesacker H. Wissenschaftstransfer in Public Health und Pflegewissenschaft: Ein ?berblick. IPPinfo. 2026;19(22): 2-3.
[9] www.fachbeirat-gluecksspielsucht.de, Zugriff: 18.08.2025.
[10] Hayer, T. (2020). Neuer Glücksspielstaatsvertrag - Chancen und Risiken. SuchtAktuell, 27 (2), 55-59.
[11] www.glueg.org/blog/419-die-vergessene-beteiligung, Zugriff: 18.08.2025.
[12] www.gluecksspielsucht.uni-bremen.de, Zugriff: 18.08.2025.
[13] www.bremische-buergerschaft.de/drs_abo/2024-02-13_Drs-21-290_381c6.pdf, Zugriff: 18.08.2025.
Zitierweise
Hayer T. Beispiele der Politikberatung im Feld der Glücksspielforschung. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22): 15-16. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

