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Partner*innen von Personen mit einer Glücksspielst?rung: Welche Ressourcen und Hürden sind im Zuge des Genesungsprozesses von Bedeutung?
Tobias Hayer, Tobias Turowski
Genesung (Recovery) stellt ein zentrales Konzept in der Fachliteratur dar, was inzwischen auch auf das spezifische Themengebiet der Glücksspielsucht zutrifft. Grunds?tzlich ist mit Genesung der ?bergang von Krankheit zur Gesundheit gemeint. Etwas konkreter bezieht sich dieser Begriff auf den Prozess der Ver?nderung, durch den die Krankheitssymptome – in Verbindung mit pers?nlichem Wachstum und sozialen Faktoren – abnehmen oder in G?nze verschwinden. In den letzten Jahren hat sich im Glücksspielbereich zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht nur die Glücksspielenden selbst vom Krankheitsgeschehen betroffen sind, sondern unmittelbar auch ihre sozialen Netzwerke und hier vor allem nahe Vertraute wie die Lebenspartner*innen. Auf der einen Seite k?nnen die Partner*innen von Personen mit einer Glücksspielst?rung als Ressource im Genesungsprozess fungieren. Auf der anderen Seite erleben sie eigenst?ndige Belastungen massiver Auspr?gung und leiden dementsprechend psychosozial wie finanziell mitunter erheblich unter den Folgen der Erkrankung ihrer Partner*innen.
W?hrend sich bislang eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen mit der Art und Weise befasst hat, wie Personen mit einer Glücksspielst?rung den Genesungsprozess ansto?en und versuchen, ihn aufrechtzuerhalten, rückt dieses Forschungsprojekt die Lebenspartner*innen in den Fokus. So soll in verschiedenen Kulturkreisen grunds?tzlich hinterfragt werden, welche Ressourcen Personen im Zusammenleben mit ihren Partner*innen und deren Glücksspielst?rung heranziehen bzw. auf welche Herausforderungen und Grenzen sie dabei sto?en. Als theoretischer ?berbau dient das Konzept des sogenannten ?Genesungskapitals“ (Recovery Capital [RC]), das alle externen und internen Ressourcen meint, auf die Personen im Zuge des Genesungsprozesses zurückgreifen (= positives RC). Negatives Genesungskapital hingegen bezieht sich auf alle externen und internen Hindernisse, die w?hrend des Genesungsprozesses auftreten k?nnen.
Aufgrund der Neuartigkeit des Forschungsgegenstandes kommt eine rein deskriptive qualitative Forschungsmethodik zum Einsatz. ?bergeordnetes Ziel ist es, mit Hilfe von leitfadengestützten Interviews m?glichst umfassende Aussagen zu folgenden vier Themenkomplexen zu treffen: Identifikation und Konzeptualisierung (a) der internen und externen positiven Ressourcen, die Partner*innen nutzen, um Personen mit einer Glücksspielst?rung bei der Genesung zu unterstützen; (b) der Barrieren, die sie daran hindern; (c) der internen und externen positiven Elemente, die die Partner*innen für sich selbst ben?tigen, um ihre eigene Lebensqualit?t zu verbessern; sowie (d) der Barrieren, auf die sie im Zuge dieses Prozesses sto?en. Als Forschungsergebnis sollen zwei ganzheitliche Modelle von RC-Komponenten vorgelegt werden. Das erste Modell inkludiert die positiven und negativen RC-Komponenten, die von den Partner*innen zur Unterstützung von Personen mit Glücksspielst?rung angewendet werden (Modell 1: ?anderen Personen helfen“). Das zweite Modell bildet RC-Komponenten ab, die sich auf die Partner*innen selbst beziehen (Modell 2: ?sich selbst helfen“). Zur Stichprobe z?hlen bis zu 150 m?nnliche und weibliche Lebenspartner von Personen, bei denen einen Glücksspielst?rung bezogen auf die gesamte Lebensspanne festgestellt wurde und die sich mit bzw. ohne professionelle Intervention von dieser Erkrankung erholt haben.
Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt wird mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gef?rdert und in enger Kooperation mit Prof.in Belle Gavriel-Fried aus Israel (Tel Aviv University) durchgeführt. Um die Ziele einer umfassenden Modellierung des RC von Partner*innen von Personen mit einer Glücksspielst?rung zu erreichen, bietet es sich an, die Datenerhebung in zwei L?ndern – Israel und Deutschland – durchzuführen, da sie sich sowohl soziokulturell als auch in Bezug auf die vorhandenen Glücksspielangebote unterscheiden. Gleichzeitig erm?glicht dieses Vorgehen eine zus?tzliche Durchführung von kulturübergreifenden Vergleichsanalysen. Zusammengenommen dürften die aus diesem Forschungsprojekt generierten Erkenntnisse das Verst?ndnis von denjenigen Wirkmechanismen verbessern, die aus der Angeh?rigen-Perspektive die Genesung von psychischen St?rungen im Allgemeinen sowie von Glücksspielst?rungen im Besonderen f?rdern bzw. behindern.
Dr. Tobias Hayer, Tobias Turowski (M. Sc.)
Universit?t Bremen
Institut für Public Health und Pflegeforschung |Abt. Gesundheit und Gesellschaft, Leitung der Arbeitseinheit Glücksspielforschung
tobha@uni-bremen.de
Zitierweise
Hayer T, Turowski T. Partner*innen von Personen mit einer Glücksspielst?rung: Welche Ressourcen und Hürden sind im Zuge des Genesungsprozesses von Bedeutung? IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):18-19. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

