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Zwei Frauen im Gespr?ch an einem Tisch

GenDivInfo: Medizinische Leitlinien neu gedacht – Vielfalt berücksichtigen, Versorgung verbessern

Birte Berger-H?ger, Jana Kaden, Christina Hartig-Magulsky, Klara Pechtel, Julia Lauberger, Nicole Schemmel, Anke Steckelberg, Margrit E. Kaufmann, Julia Lühnen

Im M?rz 2025 wurde das vom Bundesministerium für Gesundheit gef?rderte Forschungsprojekt ?GenDivInfo“ nach drei Jahren erfolgreich abgeschlossen. Ziel des Projekts war es, einen Leitfaden zu entwickeln und zu erproben, der bei der Erstellung von medizinischen Leitlinien die systematische Berücksichtigung von Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen und die Entwicklung evidenzbasierter Entscheidungshilfen für Patient:innen unterstützt.

Hintergrund und Zielsetzung

Medizinische Leitlinien sind ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung und unterstützen Fachpersonen bei der Entscheidungsfindung im Behandlungsprozess. Bislang werden jedoch bei der Erarbeitung von Leitlinien Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen – wie beispielsweise Alter, Herkunft, Bildungsstand oder gesundheitliche Beeintr?chtigungen – nur unzureichend berücksichtigt. Auch sind allgemeinverst?ndliche wissenschaftsbasierte Entscheidungshilfen, die Patient:innen in ihren individuellen Gesundheitsentscheidungen unterstützen, aktuell selten verfügbar.

Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt ?GenDivInfo“ initiiert: In Kooperation zwischen dem Institut für Gesundheits-, Hebammen- und Pflegewissenschaft der Martin-Luther-Universit?t Halle-Wittenberg, dem Institut für klinische Pflegewissenschaft der Charité Universit?tsmedizin Berlin, sowie dem Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft und dem Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universit?t Bremen wurde ein praxistauglicher Leitfaden zur Integration von Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen in medizinischen Leitlinien und Entscheidungshilfen für Patient:innen entwickelt und gemeinsam mit einer Leitliniengruppe pilotiert.

Vorgehen und Methoden

Das interdisziplin?re Forschungsteam arbeitete eng mit Patient:innenvertretenden zusammen, um unterschiedliche Bedarfe und Perspektiven einzubeziehen. Zun?chst erfolgten umfassende Literaturrecherchen und Analysen der Methodenpapiere nationaler und internationaler Leitlinienorganisationen, um etablierte und potenzielle Methoden zu identifizieren.

Erhebungen mittels einer Online-Umfrage unter 249 wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften sowie Interviews mit an Leitlinienprozessen beteiligten Personen zeigten, dass Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen in der gegenw?rtigen Erstellungspraxis bislang kaum eine Rolle spielen. Die Ergebnisse flossen in die Entwicklung eines Leitfadens ein, dessen erste Version über eine ?ffentliche Konsultation zug?nglich gemacht und auf Basis des Feedbacks weiterentwickelt wurde.

Der GenDivInfo-Leitfaden enth?lt konkrete Empfehlungen und methodische Hinweise, wie schon im Prozess der Leitlinienerstellung Bedarfe und Pr?ferenzen von Patient:innen systematisch erhoben und berücksichtigt werden k?nnen. Eine erg?nzende Checkliste, ein Toolkit, Datenextraktionsbl?tter sowie eine Vorlage für Entscheidungshilfen für Patient:innen unterstützen die praktische Anwendung des Leitfadens. Zudem wurde ein modulares E?Learning-Programm zur Schulung der an Leitlinienprozessen Beteiligten entwickelt und pilotiert.

Erfahrungen aus der Pilotierung

Im Rahmen der Pilotierung wurde der GenDivInfo-Leitfaden gemeinsam mit einer Leitliniengruppe erprobt. Dabei zeigte sich, dass die Bedeutung der Erhebung geschlechter- und diversit?tsspezifischer Bedarfe und Pr?ferenzen zun?chst untersch?tzt wurde, ihre Relevanz im Verlauf des Prozesses jedoch deutlich anerkannte Zustimmung fand.

Hervorgehoben wurde insbesondere, dass die Erhebung und Analyse dieser Bedarfe m?glichst frühzeitig im Leitlinienprozess erfolgen sollte, idealerweise bereits vor der Formulierung der klinischen Fragen und der Evidenzrecherche. Die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven – insbesondere von Patient:innenvertretenden – wurde als zentrale Ressource erkannt, um die vielf?ltigen Lebensrealit?ten und Bedarfe angemessen abzubilden.

Zudem wurde deutlich, dass Leitliniengruppen bislang meist nicht über ausreichende methodische und zeitliche Ressourcen verfügen, um Bedarfe und Pr?ferenzen sowie Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen systematisch zu berücksichtigen. Hier bieten der entwickelte Leitfaden und die Zusatzmaterialien praxisnahe Unterstützung und Hilfestellung.

Bedeutung und Ausblick

Mit dem GenDivInfo-Leitfaden steht erstmalig ein umfassendes und wissenschaftlich fundiertes Konzept zur Verfügung, das die medizinische Leitlinienentwicklung um Geschlechter- und Diversit?tsdimensionen und die Erstellung von Entscheidungshilfen für Patient:innen erg?nzt. Die bereitgestellten Instrumente erm?glichen es Leitliniengruppen, ihre Prozesse zu erweitern und so dazu beizutragen, den Wissenstransfer und die Gesundheitskompetenz zu st?rken.

Alle Projektergebnisse, der GenDivInfo-Leitfaden und die begleitenden Materialien werden offen zug?nglich gemacht unter osf.io/9yeku/. Damit leistet das Projekt GenDivInfo einen wichtigen Beitrag, um die Gleichstellung und Teilhabe unterschiedlicher Gruppen in der Gesundheitsversorgung zu f?rdern und eine evidenzbasierte, partizipative Einbindung von Patient:innen in gesundheitliche Entscheidungsprozesse zu st?rken.


Birte Berger-H?ger1, Jana Kaden1, Christina Hartig-Magulsky1, Klara Pechtel1, Julia Lauberger3, Nicole Schemmel4, Anke Steckelberg3, Margrit E. Kaufmann2, Julia Lühnen4


? Universit?t Bremen,Institut für Public Health und Pflegeforschung, Abt. Pflegewissenschaftliche Evaluations- und Implementierungsforschung, Bremen

? Universit?t Bremen, Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft, Bremen

? Martin-Luther-Universit?t Halle-Wittenberg, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Halle (Saale)

4 Charité – Universit?tsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universit?t Berlin and Humboldt Universit?t zu Berlin, Institut für klinische Pflegewissenschaft, Berlin

birte.berger-hoegerprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de

/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/abteilungen-arbeitsgruppen/pflegeforschung/pflegewissenschaftliche-evaluations-und-implementierungsforschung


Zitierweise

Berger-H?ger B, Kaden J, Hartig-Magulsky C, Pechtel K, Lauberger J, Schemmel N, Steckelberg A, Kaufmann ME, Lühnen J. GenDivInfo: Medizinische Leitlinien neu gedacht - Vielfalt berücksichtigen, Versorgung verbessern. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):25-26. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

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